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Realistische Poesie oder die Postmoderne

 Selbst bin ich zur Zeit mit einem Projekt beschäftigt, das mir mein Sohn ins Ohr gesetzt hat mit seinem Weihnachtsgeschenk, ein Buch "Sea & Civilisation". Dort gibt es ein Kapitel "The Korean War" mit Bezug auf die Konferenz von Jalta,in der die drei Großmächte übereingekommen waren, den Russenn zu erlauben, nach Kriegsende Port-Arthur wieder zu besetzen, als Entschädigung für den verlorenen Krieg 1904/05 gegen Japan. Erinnern Sie sich? Ist das Thema nicht aktuell mit dem erblichen Staatschef einer Volksrepublik, der nun auch über Atomwaffen verfügt? Jetzt ist er auch noch als Mörder unter Verdacht. Mich interessiert, ob die Allianz von Jalta an diese Konsequent ihrer Übereinkunft auch schon gedacht hat und ob die aktuell als verrückt verschriehenen Präsidenten tatsächlich verrückt sind.

 

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Onomichi, Kure, Matsuyama

 

Vom 2. bis 5.April 2016 reisten wir von Osaka mit dem Schnellzug nach Hiroshima, wo wir in einen Bummelzug umstiegen, der uns in etwa einer Stunde zurück nach Mihara brachte, einer ziemlich großen aber unscheinbaren Küstenstadt an der Setonaikai (japanische Inlandsee). Dort bezogen wir Hotel und fuhren zwei Haltestellen weiter östlich nach Onomichi, einer berühmten Stadt, deren Besonderheiten dem Reisenden nicht sofort in die Augen springen. Die modernste der Besonderheiten ist die Auffahrt auf die westlichste der drei Brücken über die Setonaikai. Eine etwas ältere Besonderheit betrifft Yukaris Mutter, sie hat dort nach ihrem Studium ihre erste Stelle als Lehrerin bezogen, und nicht zuletzt gibt es dort eine ziemlich lange Straße in mittlerer Lage des Küstenabhangs, wo sich ein Tempel mit Friedhof an den nächsten reiht und darüber  ein Tempel thront, der sich „Tausend Lichter“ nennt. Wir sind da hinauf gegangen und kamen dabei in ein Meer blühender Kirschbäume, das sich über die Gipfel des Hinterlandes zieht. Der Park war voll mit Leuten, die von der Stimmung ergriffen waren. Gegen Westen hatten wir einen großartigen Blick in die untergehende Sonne und die Inselwelt der Setonaikai (siehe Bild in der Anlage).

Wir übernachteten in Mihara und fuhren dann über die Küstenlinie nach Kure, weil Yukaris Großonkel dort eine Klinik geleitet hatte und immer zu den Geschenkzeiten Persimonen[1] und Austern nach Hause geschickt hatte. Es war früher ein Marinearsenal, in dem zuletzt das größte Militärschiff der Welt gebaut wurde, das allerdings bei den Kämpfen um Okinawa nutzlos unterging, ebenso wie verschiedene andere Weltwunder, deren Bau Unsummen verschlungen hatte, aber keinen Nutzen brachten. Dort gibt es heute ein Museum „Yamato“, in dem wir allerlei lernten. Kure wurde 1870 gegründet von Leuten, die eine moderne japanische Marine aufbauen wollten, weil, z.B. der erste Handelsvertrag, den Japan   1858 mit den USA schloss, dadurch zustande gekommen war, dass Harris mit der englischen Flotte drohte und darauf verwies, dass die USA ein viel friedlicheres Land seien, das es gut mit Japan meine. Da die Japaner das Gerangel um China und den englischen Anteil daran kannten, sowie 1808 in der Phaeton – Affäre eigene Erfahrungen mit englischem Benehmen gemacht hatten, überzeugte das Argument. Ungleiche Handelsverträge mit anderen Ländern folgten danach.

Der Vertrag, den die Japaner 1854 mit Perry geschlossen hatten, bezog sich nur auf  Auftanken mit Kohle und Versorgung von schiffbrüchigen Amerikanern in Japan.  Irgendwie mussten die Amerikaner gehört haben, dass in Japan Kohle geschürft werden konnte. In Kure ist dann nach und nach eine japanische Marine und  Schiffsbauindustrie aufgezogen worden, die erstmals im  sinojapanischen Krieg 1894/95 und im russischjapanischen Krieg 1904/05 von sich reden machten. Die in diesen Kriegen eingesetzten Schiffe, waren größten Teils noch im Ausland gekauft worden, z.B. auch in Deutschland. Was die freundliche Behandlung der Japaner in Europa erklärt, die dort ihre Schiffe abholten. Die Schiffe des zweiten Weltkrieges dagegen waren alle in Japan gebaut worden, wobei die Werften in Kure die Führungsrolle hatten. Eine kompetente Mannschaft für Forschung, Entwicklung und Bau von Schiffen war dort herangezogen worden, die in einer wirtschaftlich blühenden Region in der östlichen Nachbarschaft von Hiroschima entstanden war. Nach dem Ende des Krieges waren die beteiligten Menschen plötzlich arbeitslos und die Anlagen wurden demontiert im Zuge von Forderungen der Sieger. Die Situation änderte sich aber mit dem Beginn des Koreakrieges weil englische UNO-Truppen,  BCFK (British Commonwealth Forces Korea) Kure zu ihrer Ausgangsbasis machten. Die Demontage der Anlagen hörte auf und die freigesetzten Fachkräfte wurden in zivilen  Industriebetrieben eingesetzt, die nun wieder im Entstehen waren, wo sie die erworbenen Kenntnisse  einsetzten zum Aufbau der Nachkriegswirtschaft,  die bis in die 1980ger Jahre sehr erfolgreich war. Symbol dieser Entwicklung ist das Kriegsschiff „Yamato“, das in der Kriegszeit als letztes überlegenes Kriegsschiff  in Kure gebaut wurde und auch zum Einsatz kam. Militärisch blieb es nutzlos, denn es wurde bei den Kämpfen um Okinawa versenkt, obwohl solche Schiffe laut Definition als unsinkbar gebaut worden waren.

Das sehe ich als eines von vielen Beispielen, die genau das Gegenteil der Ergebnisse hervorbrachten, die beim Bau geplant waren. Das Schloss von Osaka wurde als uneinnehmbar erbaut, wurde aber schon kurz nach der Fertigstellung von der Gegenpartei erobert. Die Festung Singapur galt als uneinnehmbar, wurde aber nach kurzen Kämpfen erobert, dabei ging auch noch das modernste unsinkbare Schiff unter, das die Engländer damals gebaut hatten. Die Maginot Linie sollte Frankreich vor Deutschland schützen. Der Bau erzeugte einen beinahe Staatsbankrott. Im Krieg hat das Verteidigungswerk keine Rolle gespielt und heute dient es als Museum und als Brutplatz für Champions. Das englische Schiff „Invincible“ wurde von einer „Excocet“ Rakete getroffen, die von einem Flugzeug abgeschossen wurde, das das Schiff nicht in Sichtweite hatte. Zumindest behaupteten das die Argentiner. Ob das zutrifft oder nicht, spielt keine Rolle, jedenfalls waren „Exocet“ Raketen nach dem Falklandkrieg  auf den Einkaufszetteln jedes  Rüstungskäufers.

 

Bei der „Yamato“ ergab sich der Nutzen in die Investition allerdings im Nachhinein.

Heute ist Kure wieder ein florierender Standort, in dem Supertanker und Containerschiffe gebaut werden. Angefangen hatte diese Entwicklung als Oberst Nasser, ein islamischer Sozialist, den Suezkanal schloss.  Plötzlich wurden große Schiffe gebraucht, um Erdöl aus dem nahen Osten in alle Welt zu transportieren.  Das Geschäft dabei machten nicht die Ägypter, sondern Aristoteles Onassis, der solche Schiffe rechtzeitig in Auftrag gegeben hatte.

 

Von Kure aus fuhren wir mit dem Schnellboot in weniger als zwei Stunden über die Setonaikai  nach Matsuyama, der Hauptstadt der Präfektur Ehime im westlichen Teil der Insel Shikoku.

Dahin wollte ich gehen, weil mich meine Lektüre neugierig gemacht hatte.  Matsuyama war der Geburtsort dreier Personen, die innerhalb der Meiji-Zeit von 1870 bis 1905 in Japan zu Ansehen gekommen waren, nämlich Masaoka Shiki, der als der Modernisierer der Gedichtform Haiku gilt und die Akiyama Brüder, Yoshifuru und Saneyuki, die es wegen ihrer Erfolge im ersten Sinojapanischen Krieg 1894/95 und im Russischjapanischen Krieg 1904/05 der eine zum General und der andere zum Admiral gebracht hatten, obwohl sie aus Samurai-Familien stammten, die Schulgeld nicht aufbringen konnten.

Außerdem gibt es in Matsuyama den Dogo-Onsen, das angeblich älteste Thermalbad in Japan,

auch in Deutschland hatte ich schon mehrere älteste Restaurants gesehen, obwohl es nur eins geben kann, Wrum sollten dann nicht in Japan mehrer Orte den Anspruch erheben, das älteste Thermalbad zu sein?.

Bereits Shotoku Taishi, ein Heiliger als Regent Japans aus dem 6ten Jahrhundert soll es besucht haben und dieser Ort hält zudem eine Partnerschaft mit dem Ort Ikaruga, dem Standort des Horyuji, einem Tempel, der von Shotoku Taishi in Auftrag gegeben wurde, auf dessen Gelände das älteste, noch immer in Gebrauch befindliche Holzhaus der Welt steht. Den Tempel kann ich mit dem Fahrrad in etwa 2 Stunden von unserem Haus aus erreichen.

Shotoku Taishi ist auch bekannt als Autor der ersten Verfassung Japans, der 17-Artikel Verfassung, ob er sie wirklich selbst geschrieben hat, ist nicht bewiesen. Aber sie weicht von üblichen Verfassungen ab, weil in den 17 Artikeln nicht beschrieben ist, was ein Mensch tun darf oder zu unterlassen hat, sondern was Amtsträger tun müssen, damit das Volk nicht murrt.

 

Das nicht genug, Matsuyama ist auch berühmt wegen seiner fruchtbaren Landwirtschaft ringsum und wegen seines Schlosses. In der EDO-Zeit war es die Residenz des lokalen Herrschers, des Daimyo, das auf einem ziemlich hohen Inselberg in der Mitte der Stadt liegt und deshalb von außergewöhnlich hohen Mauern gestützt wird.

Da es bereits bei der Überfahrt mit dem Schiff geregnet hatte, wollten wir am Nachmittag nicht im Regen durch die Stadt laufen, sondern fuhren zum Dogo-Onsen, um uns dort in das warme Wasser zu legen. Das Gebäude ist aus Holz von markanter Architektur und enthält zwei verschiedene Badebereiche, den mit dem Götterwasser und den mit dem Geisterwasser. Normalerweise wäre der Bereich mit dem Götterwasser für die Nobilität reserviert und der mit dem Geisterwasser für das gemeine Volk. In Japan ist es genau umgekehrt, das Götterwasser gehört dem Volk und das Geisterwasser den Eliten. In modernen Zeiten spiegelt sich das an den Eintrittspreisen. Inbegriffen bei den Gemeinen ist ein Stück Seife, der die eingearbeiteten Mikan-Früchte der Region einen spezifischen Duft verleihen. Der Eintritt in das Separeé umfasst einen Zusatzservice mit Tee und lokalen Backwaren. 

Nach dem Bad sahen wir in der Nachbarschaft ein Restaurant, in dem Altbier angeboten wurde. Das ließen wir uns nicht entgehen, in der Absicht nur ein Altbier zu trinken, weil wir eigentlich lokale Spezialitäten zu uns nehmen wollten, betraten wir das Restaurant und fanden dort ein Menü im Angebot, das Bratwurst enthielt. Das reichte, um unsere Pläne zu ändern, wir bestellten die Bratwürste. Zusammen mit dem Bier, das dunkel war wie  Düssel, wurde uns ein Schälchen hingestellt, nicht mit gebratenem Hackfleisch, aber doch mit krümelartigen Fleischstückchen, die allerdings köstlich schmeckten. Das Düssel war kein Düssel, aber immerhin ein Kölsch und das am Ende der Welt.

Anderntags war Kaiserwetter aber Montag. Wir wollten in das Shiba Ryotaro – Museum, weil Yukari kein Literatur-Museum auslässt, stellten aber fest, dass das Museum geschlossen war.

Montags ist vielfach Ruhetag, daran hatten wir nicht gedacht. Also gingen wir, zumindest das Geburtshaus der Akiyama –Brüder anzusehen, das nach Stadtplan ganz in der Nähe war. Gesagt, getan. Wir kamen gegen 10:00h dort an, als es gerade geöffnet werden sollte, aber es war ein prächtiger Neubau, eine niedere Samurai-Familie konnte nicht in einen Haus, wie diesem, gelebt haben. Vor dem Haus stand ein großartiger, in voller Blüte stehender Kirschbaum. Wir machten ein Foto und überlegten, was nun zu tun sei.

Da kamen wir an einem Hinweisschild vorbei, das die Richtung zur Seilbahn auf den Schlossberg anzeigte. In Osaka steht das Schloss zwar auch an der höchsten Stelle der Stadt, aber es steht auf einem ebenen Bergkegel und ragt nicht als Pyramide  aus einer Ebene heraus, hier steht das Schloss auf einem Bergkegel, der aus der Ebene der Stadt empor ragt.

Das Schloss unterliege nicht der Montagsruhe, wurde uns gesagt, deshalb wandten wir uns in die Richtung der Seilbahn und ließen uns an den Eingang des Schlossgeländes bringen, hoch über der Stadt. Dort war lebhafter Betrieb unter zahlreichen in voller Blüte stehenden Kirschbäumen. Um zu dem krönenden Schlossturm zu kommen, gingen wir an baumhohen Mauern aus Erdsteinen vorbei, einem typischen Merkmal des Schlosses von Matsuyama.

Im Schlossturm erfuhren wir Näheres über den Erbauer des Schlosses und seine Nachfolger.

Der Erbauer gehörte zu den sieben Speeren des Toyotomy Hideyoshi, eines der drei Kriegsherren, die die Autorität der Zentralregierung nach langem Bürgerkrieg erneut hergestellt hatten. Der Erbauer stammte ebenso wie Toyotomy aus dem Stand der nicht reichen Bauern, war ihm aber wegen seiner Kreativität aufgefallen, als er sich selbst bereits ausgezeichnet hatte und machte ihn zu einem seiner Heerführer, der für seine Dienste mit 200.000 Säcken Reis (Koku) pro Jahr ausgezeichnet wurde. Als Toyotomy starb, wurde die Nachfolgefrage aktuell und wir wissen, die Familie Tokugawa folgte nach. Im Jahre 1600 hatte die Schlacht bei Sekigahara stattgefunden, die von den Tokugawas gewonnen wurde aber erst 1614/15 konnte die Residenz der Familie Hideyoshi, das Schloss von Osaka erobert werden und damit war die Macht der Tokugawa Famile für mehr als 200 Jahre gefestigt. Der Bauherr des Schlosses von Matsuyama hatte nach dem Tod Toyotomys, bereits vor der Schlacht von Sekigahara die Partei der  Tokugawa  ergriffen. Deshalb wurde sein Gehalt auf 240.000 Säcke Reis erhöht und er wurde zum Daimyo von IYO ernannt mit Residenz in Matsuyama. Da zum Konzept des Tokugawa-Staates, die Residenzschlösser der Daimyos gehörten, wollte sich der Bauherr ein Schloss bauen, das den 240.000 Säcken Reis im Jahr entsprach. Aber es war wohl ein bisschen zu groß geraten, was die Standfestigkeit des Schlossturms betraf, Fünf Etagen konnte er nicht aushalten, deshalb wurde er später auf drei reduziert. Aber es ist ein schönes Schloss, die Leute von Matsuyama halten es für schöner als das Schloss von Himeiji.

In den Räumen des Schlossturms standen typische Ausstellungsstücke, die alle auch in englischer Sprache beschriftet waren. Hätte ich sie alle gelesen, wüsste ich nun über die Verwaltung von Provinzen bescheid und über die Rolle von Burgstädten in der Edo-Periode. Aber die Zeit drängte, deshalb habe ich etwas hinzugelernt, aber nicht alles, was notwendig ist, um Fachmann zu werden.

Den Nachmittag verbrachten wir im Shiki – Museum. Was ein Haiku ist, wusste ich, zumindest der Form nach. Es sind Gedichte aus drei Zeilen, die jeweils 5, 7 und 5 Silben enthalten. Der Inhalt soll mit den Jahreszeiten und der Landschaft in Verbindung stehen. Matsuo Basho  (1644-1694) gilt als Meister der Haiku-Kunst, die auch Liebhaber im Westen gefunden hat,  denn Haiku dichten  macht süchtig, wie ein Ohrwurm.  Masaoka Shiki (1867-1903) gilt als Modernisierer der Haiku-Kunst. Ich wollte wissen, worin die Modernisierung bestand. Die alte und die neue Form sind die gleiche und ich kam zu dem Ergebnis, es sind die Themen des Inhalts, sie sollen nicht mehr an Jahreszeit und Landschaft gebunden sein, sondern sie sollen lebendiges Leben schildern. Shiki stammte aus einer niederen Samuraifamilie, wurde aber von einem gebildeten Onkel erzogen und besuchte als einer der Ersten die kaiserliche Universität in Tokio aus der er bald herausflog, weil sein Interesse sich der Literatur zuwandte.

In der Zeit seiner Kindheit kam die Idee der Menschrechte auf, deshalb wollte er Ministerpräsident werden, gab diese Idee aber auf, weil er sah, dass zu seiner Zeit viele junge Menschen an die Universitäten strebten, er wollte etwas Einzigartiges erreichen, und fand es in der Literatur, da war er wirklich unübertroffen. Seine Ideen verbreitete er als Redakteur einer Zeitschrift, die nie eine große Auflage erreichte, deshalb musste er mit sehr geringen Einkünften zufrieden sein. Aber in dieser Hinsicht hatte er ein Vorbild in dem  Waka - Dichter Saigyo (1115- 1190),  der aus einer noblen Familie stammte, Krieger und Chef der kaiserlichen Leibwache wurde, aber seine Stellung aufgab, um Priester und umher wandernder Dichter zu werden, den die Leute bis heute kennen. Er starb im Hirokawadera (Tempel) 45 Minuten Fußweg von unserem Haus.  

Den Tag schlossen wir mit einer Mahlzeit aus Spezialitäten der Region ab, zu denen auch Fleischstückchen gehören, in Japan isst man nicht mit dem Messer, das bekommt allenfalls, wer als Westler identifiziert wird.

Am nächsten Tag war das Shiba Ryotaro – Museum geöffnet, aber schräg gegenüber vom Eingang des Museums war  ein Garten zugänglich, in dem ein Schlösschen im typischen Stil der französischen Klassik von blühenden Kirschbäumen verdeckt zum Vorschein kam.

Bei der Besichtigung lernten wir, dass es der Familie des ehemaligen Daimyo gehörte, der lange Zeit als Diplomat in Frankreich verbrachte und die Entschädigung, die er bekommen hatte, als sein Provinzfürstentum in eine Präfektur umgewandelt wurde,  verwendete er, sich diese stilvolle Villa  zu erbauen, die auch kaiserliche Prinzen besuchten. Damals wurden nicht alle Privilegienbesitzer entschädigt. Die unteren Samurai-Ränge bekamen nur wenig. Sie mussten häufig in bitterer Armut leben, Doch galt das in der Edo-Zeit in Japan bestehende  Privatschulsystem als sehr wirkungsvoll. Nicht nur die Kinder höherer Schichten waren klassisch gebildet, d.h. in chinesischer Literatur und im Rechnen (Abakus), sondern Stadtbewohner allgemein. Nach der Ankunft des Commodore Perry, wurden sehr schnell alle Adelsklassen abgeschafft, staatliche Schulen sowohl für die Allgemeinbildung, für die Ausbildung  technischer, künstlerischer und militärischer Fähigkeiten gegründet, zu denen jeder Zugang hatte, der die verlangten Prüfungen bestand. Was natürlich  in der darauf folgenden Zeit die traditionellen Allüren zum sozialen Stand der Menschen beeinflusst hat. In der Meiji Zeit wurden wieder kaiserliche Adelstitel vergeben, nicht nur an Personen der traditionellen Nobilität, sondern nach Verdienst an jedermann, auch an Personen, die vorher von sozialer Anerkennung ausgeschlossen waren.

Schließlich betraten wir das  Shiba Ryotaro Museum, dessen Architektur der Prizker Preisträger Tadao Ando entworfen hatte. Von der Hauptstrasse aus betrachtet, stand es etwas verdeckt in der hinteren Reihe, gleich am Abhang des Schlossberges sehr unaufdringlich. Fasst hätten wir bei seiner natürlich fließenden Präsentationsweise die Struktur des Hauses gar nicht wahrgenommen. Es hat den Grundriss eines Dreieckes und wenn der  Besucher durch  die Ausstellung gelaufen ist, kam er einmal alle Stockwerke hinauf und dann wieder hinunter, ohne zweimal am gleichen Ort vorbeigekommen zu sein und ohne es gemerkt zu haben. Die Bauwerke des Tadao Ando sind tatsächlich etwas Besonderes, wir kennen inzwischen vier von ihnen.

 

Shiba Ryotaro ist ein in Japan bekannter Bestseller Autor. Anders als  Haruki Murakami, der jedes Jahr als Nobelpreisträger im Gespräch ist und dessen phantastische Bücher auch im Ausland gelesen werden, war keines der Bücher von Shiba Ryotaro vor 2016 in eine ausländische Sprache  übersetzt worden und daher  nur Kennern der japanischen Sprache zugänglich.

Er hat auch keine Romane geschrieben, sondern die japanische Geschichte des Übergangs von der Edo-Zeit in die Moderne an Hand von Lebensgeschichten von Leuten, die aktiv am Übergang mitgewirkt haben. Sein berühmtestes Werk „Saka no ue no kumo (Clouds over the Hill oder Wolken über dem Abhang) beschreibt das Leben von Shiki und den beiden Akiyama – Brüdern und die lebten in einer Zeit, die mit der Satsuma-Rebellion[2] begann und über den russischjapanischen Krieg reicht. Die politisch wichtigen Ereignisse in dieser Zeit waren der  Erste  Sinojapanische Krieg, der Boxeraufstand in China und der Russischjapanische Krieg sowie das Leben und Fühlen der Leute in Japan und Russland der Zeit. Von europäischer Seite wird die Situation so dargestellt, als seien die Japaner plötzlich gierige Imperialisten geworden, die schon immer hörige Ameisen gewesen waren, um das zu tun, was die Regierung von ihnen verlangt.   Die japanische Darstellung der Situation weicht stark davon ab. Die japanische hatte ich vor der Lektüre nicht so gesehen, wie sie von japanischer Seite geschildert wird  und ich frage mich, ob sie nicht auch zur Beurteilung herangezogen werden sollte. Ein unzutreffendes Urteil über andere Menschen weckt nicht Sympathien, sondern Antipathien.

Von Matsuyama fuhren wir 2 Stunden mit dem Shikoku-Express an der nördlichen Küste entlang zur Setoohashi – Brücke über die Setonaikai nach Okayama und von dort aus mit dem Nozomi – Shinkansen in 45 Minuten nach Shin-Osaka. Als wir zu Hause ankamen, war es schon dunkel und wir waren müde.  

 

[1] Persimonen werden auch Kakifrüchte genannt. Kurz vor Weihnachten hängen sie zahlreich an den kahlen Ästen von Bäumen und wenn sie zur Erde fallen, machen sie einen orangefarbigen Klecks auf dem Boden. Aber wenn sie gepflückt werden und in der Sonne trocknet, können sie auch als Geschenk verschickt werden. Sie schmecken angenehm süß.

[2] Rebellion gegen den gerade erst eingesetzten Kaiser, weil der nicht zu alten Zeiten zurückkehren wollte, sondern das Land modernisieren.

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Haruki Murakami, sein „Mister Aufziehvogel“ und die Prägung der Helden

 

Bekanntlich gibt es gegenwärtig zwei japanische Künstler, einen Schriftsteller und einen Grafiker/Designer, die nicht nur in Japan, sondern weltweit im Gespräch sind. Beide hören auf den Nachnamen Murakami, was übersetzt Dorfgott bedeuten kann, aber auch „aus dem oberen Dorf“, jedoch in ihren Vornamen unterscheiden sie sich bereits, und verwandt scheinen sie auch nicht zu sein.

 

Nachdem ich dem Geschäftsführer der Deutsch-Japanischen Gesellschaft  Baden-Württemberg, Herrn Grosse, erzählt hatte, dass ich ein Buch von Haruki Murakami gelesen hatte, in dessen Titel der Name Kafka: „Kafka am Meer“ oder so ähnlich vorkommt, und dass ich mit steigender Spannung von Anfang bis Ende gelesen hatte, schenkte er mir bei der nächsten IGV – Sitzung[1] einen dicken Paperback, nämlich den „Mr. Aufziehvogel“ von Haruki Murakami.

 

Eigentlich hatte ich gar keine Zeit, ein derart dickes Buch zu lesen, da ich aber ein undisziplinierter Mensch bin und außerdem Vorweihnachtszeit herrschte,  konnte ich es mir nicht verwehren, einem Blick in das Buch zu werfen. Von seiner sprühenden Phantasie gefangen genommen, las ich es dann in einem Zug zu Ende. Die Geschichte war  spannend erzählt, doch sonst reiner Alltag. Mich interessierten am meisten die Kontaktpersonen des Helden des Romans. Ihre Gemeinsamkeit bestand darin,  ihre prägenden Erlebnisse von 1939 – 1945  in der Mandschurei empfangen zu haben,  als diesem, an sich chinesischen Land, zwar ein Mandschu- stämmiger Kaiser vorstand, nämlich Puyi, nachdem er als letzter chinesischer Kaiser aus der Qing-Dynastie im Kindesalter auf sein Amt verzichtet hatte, das Land aber trotzdem einen von Japan abhängigen Staat unter der Bezeichnung Mandschukuo darstellte.

 

Der Held der Geschichte, ein junger Mann, der plötzlich seinen sicheren Job kündigte, um darüber Nachdenken zu können, ob er in Zukunft nicht etwas Sinnvolleres mit seinem Leben anfangen  könne, wird von seinem Schwager als Mensch, der nur „Schrott und Müll im Kopf hat.“  bezeichnet, Allerdings glaubt der Leser es ihm nicht, weil es sofort die Lesespannung abfallen ließe, der spannende Erzählfluss aber keineswegs abbricht.

 

So kommt dann beim Nachdenken zutage, dass die meisten der Kontaktpersonen des jungen Mannes und seiner Frau mit Mandschukuo zu tun hatten. Die Menschen lebten dort ihren normalen Tagesablauf und wurden unversehens in politische Ereignisse verwickelt. Nach ihrer Rückkehr in die Heimat Japan, fielen sie auf, als von einem speziellen Tick befallen zu sein.

 

„Wie war das möglich?“ stellt sich dem Leser die Frage, besonders wenn er nicht mit den regionalen Verhältnissen vertraut ist. Das Buch gibt darauf  keine direkte Antwort. Aber es schildert konkrete Erlebnisse, aus denen er sich ein Bild machen kann.

 

Das erste Erlebnis aus der Mandschurei handelt von dem Grenzzwischenfall bei Nomonhan. Die Russen reden von der Schlacht am Khalkhyn Gol, Der Vorfall dauerte von 11. Mai 1939 bis zum 16. September und wurde durch einen Waffenstillstand beendet. Anfang September 1939 hatte Hitler durch den Einmarsch der deutschen Armee in Polen den zweiten Weltkrieg ausgelöst. Die Russen hatte das bewogen, ihre Händel mit den Japanern im Fernen Osten vorläufig zu beenden. Sie konnten sich das leisten, denn sie waren dabei, den Japanern zum ersten Mal in der modernen Geschichte eine militärische Niederlage beizubringen[2].

 

Das Buch schildert nicht den Verlauf der Schlacht. Vielmehr den fürchterlichen Durst eines  japanischen Teilnehmers an dem Ereignis. Das Trinkwasser war ihm ausgegangen, am Horizont  breitete sich ein strömender Fluss aus, der Chalkha. Keiner  der Japaner, der dort Wasser schöpfen wollte, kam zurück, die Russen hatten den Zugang mit einer Kette von Panzern versperrt. Die Japaner vertrauten damals auf ihre bis dahin erfolgreiche Infanterie-Taktik, auf Überraschungs- und Nachtangriffe. Diesmal kamen sie damit nicht durch, die feindliche Artillerie auf dem höher gelegenen Gegenufer sah auf die Japaner herab und konnte jeder Überraschung mit gezielten Schüssen zuvorkommen. Der Dürstende, von dem später als Brunnenzieher erzählt wird, machte sich bei seinen Qualen Gedanken über die Sinnlosigkeit der Situation. Das Land ringsumher war einförmige Steppe und die Blutopfer, die ihm abverlangt wurden, nicht wert. Die Dorfbewohner von Nomonhan hatten hart für ihren Lebensunterhalt zu arbeiten, selbst durch moderne Nutzungstechniken wäre daran nichts zu ändern gewesen. Niemand brauchte erpicht darauf zu sein, das Land zu besitzen.

 

Wissen Sie wo Nomonhan liegt? Ich wollte es wissen und googelte im Internet. Eine erstaunliche Menge von Treffern wurde angezeigt. Nomonhan liegt einige Kilometer östlich des Flusses Chalkha, der in das Amur-Becken[3] fließt.  Von den Japanern wurde der Chalkha als westliche Grenze zwischen der Äusseren Mongolei und Mandschukuo betrachtet. Der Amur als Grenze zu Russland fließt  etwa 500km entfernt im Norden. Heilar, der nächstgelegene japanische Eisenbahnstützpunkt, liegt 200 km weiter im Osten.  Der nächstgelegene russische Eisenbahnstützpunkt liegt  etwa 700km entfernt im Nordwesten Von den Stützpunkten zum Ort des Geschehens gab es nur sandige Pisten, die bei Regenwetter verschlammten.

 

Was ich zusätzlich aus dem Artikel entnahm ist folgendes: Im Jahre 1689 handelte das zaristische Russland mit dem China der Qing-Dynastie, also den Mandschus, im Vertrag von Nerchinsk[4] die Wasserscheide des Stanovoy – Gebirges als Grenze zwischen China und Russland aus. Damit gehörte der Amur mit seinem beidseitigen Talabhängen zu China[5]. Im Jahre 1858 lag das Qing-China wegen der Taiping – Aufstände in Unruhe. Russland hatte dem chinesischen Kaiser geholfen und wollte nun belohnt werden. Der Vertrag von Aigun, der als völkerrechtlich ungleicher Vertrag gilt,  setzte deshalb den Amur als Grenze zwischen Russland und China fest. Zwei Jahre später gab es eine erneute Veränderung der Grenze zwischen Russland und China, nämlich diejenige zwischen der Inneren- und der Äußeren Mandschurei.  Diese Grenze ist praktisch der Ussuri, der nördlich von Korea bei Wladivostok entspringt und bei Chabarovsk in den Amur fließt und heute noch als Grenze zwischen Russland und China fungiert.

Die Innere Mandschurei stimmt ziemlich genau mit dem Gebiet von Mandschukuo überein. Die Äußere Mandschurei grenzt an den Pazifik, die Innere hat keinen Zugang zum Pazifik oder Ochostkischen Meer. Die Grenze von Mandschukuo zu Russland betrug mehr  als 3000km.

 

Heilar liegt an der Bahnstrecke, die seit 1902 Deutsche von Berlin aus benutzten, um nach Tsingtau zu fahren. Sie wurde von Russen und Chinesen gebaut.

 

Der nächste Google-Eintrag belehrte mich über die militärische Bedeutung des Zwischenfalls von Nomonhan. Er wurde nämlich seither vielfach von Militärtheoretikern analysiert, wohl nicht zuletzt deshalb, weil die Operationen auf der russischen Seite von Gregory Zhukov geleitet wurden. Die Schlacht begründete seinen Ruhm als Heerführer.

Zhukov wurde später Held der Sovietunion, er organisierte 1941 mit seiner sibirischen Truppe die Verteidigung Moskaus vor den Deutschen, wandte die Schlacht von Stalingrad  und nahm 1945 Berlin ein.  Alle vier Operationen liefen nach dem gleichen Schema ab, Hinhalten des Gegners im Zentrum und Umzingelung durch Zangenbewegungen nach beiden Seiten.

 

Nach der Auswertung dieses Artikels hatte ich erst einmal genug aus Mandschukuo erfahren und wandte mich wieder dem Buch von Murakami zu. Dort las ich nun über das Abenteuer eines japanischen Leutnants in der Gegend von Nomonhan. Ihm war aufgetragen, den Chalkha zu überschreiten und illegal in das Gebiet der Äußeren Mongolei einzudringen. Wegen seiner Ausbildung als Geologe und Kartograf war er ausgewählt worden, zusammen mit zwei weiteren Soldaten, einen Zivilisten  zu begleiten und dessen Anweisungen zu folgen

Es handelte sich offensichtlich um einen Agenten[6] der Regierung.

 

Auf dem Rückweg wurde die Reisegruppe von mongolischen Soldaten gefangen genommen. Der Agent  hatte den Soldaten befohlen, ein Dokument, was er bei sich trug, unbedingt zu retten, falls er umkäme und es der Armeeleitung auszuhändigen. Die mongolischen Soldaten hielten die Gefangenen fest, bis ein Flugzeug  in der Steppe landete, dem zwei Offiziere entstiegen, ein russischer und ein mongolischer. Der russische verlangte von dem Zivilisten die Herausgabe des Dokuments. Als dieser leugnete, eines zu besitzen,  machte er ihm in wohlgesetzten Worten klar, dass die Mongolen ein Hirtenvolk seien, die seit Jahrhunderten gelernt hätten, Tiere zu enthäuten, er würde bei lebendigem Leibe solange enthäutet, bis es ihm einfalle und es herausgäbe. Der mongolische Offizier machte sich sogleich an die Arbeit. Der japanische Leutnant wurde gezwungen, der Prozedur zuzusehen. Einer der Begleitsoldaten lag mit durchschnittener Kehle seitwärts, der andere war verschwunden. Der Agent wurde völlig enthäutet und starb unter entsetzlichen Qualen und Schreien, aber er hatte nichts verraten. Der russische Offizier war nun überzeugt, dass auch der Leutnant nichts wissen konnte und stand davon ab, ihn zu töten. Aber die mongolischen Soldaten stießen ihn in einen tiefen ausgetrockneten Brunnen. Er brach sich einige Knochen, aber er lebte. Aus dem Brunnen herauszuklettern war ihm nicht möglich.

 

Das Buch schildert die drei Tage, die der Leutnant in dem Brunnen verbrachte, bis er von dem vorher verschwundenen Soldaten herausgezogen wurde. Es gelang beiden zusammen, den Weg zurück in die Hauptstadt von Mandschukuo zu finden, die damals den Namen Hsin-Chin trug, übersetzt Neue Hauptstadt.  Dort tat der Leutnant nach seiner Heilung  ruhigen Etappendienst als Kartograf und lernte Russisch. Im Zuge des Auguststurms der Russen 1945 allerdings wurde er für den Erzählfluss erneut aktiviert.

 

Harbin und Mukden sind zwei Namen von mandschurischen Städten, die weit bekannt sind.

Auf einer modernen Karte sind sie nicht unbedingt zu finden, denn es handelt sich um mandschurische Namen, die Orte dort haben aber auch chinesische, russische  und japanische Namen. Es hängt also davon ab, wann und von wem Ihre Karte erstellt worden ist, ob Sie einen Ort mit dem Ihnen bekannten Namen finden oder nicht.

 

Zum Beispiel trägt Hsin Chin (Chinkyo)  den chinesischen Namen Changchun und ist heutzutage Hauptstadt der Provinz  Jilin.  Im Jahre 1945 wurde die Stadt von den Russen erobert und 1946 den Kuomintang Chinesen übergeben. Seit 1947 wurde die Stadt von chinesisch kommunistischen Truppen belagert und  1948 erobert. 

Im 18. Jahrhundert befand sich der Ort im Zustand eines befestigten Marktfleckens. Erst 1906 erlangte der Ort Bedeutung im Zuge des Baus der Ostchinesischen Eisenbahn. Die Japaner machten den Ort zu einer Großstadt mit Kaiserpalast, der heute eine Touristenattraktion darstellt. Die Kommunisten produzierten dort ihre ersten Lastwagen. Heute beherbergt die Stadt nicht nur 6 Mio. Einwohner, sondern auch eine Autofabrik von Volkswagen (VW). Pläne wollen den Ort zum chinesischen Detroit ausbauen. Der Bau einer weiteren umweltverträglichen Autofabrik wurde ausgeschrieben, verbunden mit einer Wohnanlage für 300.000 Personen. Ein Architekt Namens Albert Speer hat die Ausschreibung gewonnen und bekam den Bauauftrag.

 

Mich interessierte zu erfahren, wie und warum die Japaner in die Mandschurei gekommen waren, obwohl sie sich lange Zeit gegen den Kontakt mit dem Ausland gesperrt hatten. Schnell fand ich heraus, dass der zweite Teil der Frage einfach zu beantworten ist, denn die Mandschurei weist weite Gebiete auf, die für den Anbau von Soja und Gerste geeignet sind, nicht zu reden von reichlichen Kohle- und  Erzvorkommen, das Land ist also ein idealer Kandidat zum Aufbau einer externen Versorgungsbasis besonders für ein Land, dem solche Ressourcen fehlen. Aber es handelte sich um traditionell chinesisches Gebiet. Wie kommen Russen, Briten, Japaner und Sonstige dazu, sich dort breit zu machen? Im 17. Jahrhundert galten die Chinesen noch nicht als verrottetes Volk, über das sich starke Interessenten einfach hermachen konnten.

 

Im Jahre  1697 veröffentlichte G.W. Leibniz[7] ein Buch „Neuestes aus China“, das nach heutigen Begriffen als Bestseller bezeichnet werden kann. Es trug auf der Titelseite ein Bild des Kaisers K’ang-hsi (Kangxi) aus der Mandschu –Dynastie. Von Leibniz wurde dieser Kaiser als Beispiel eines Philosophenkönigs beschrieben, wie er von Platon vorgestellt worden war. Leibniz erwähnte in seinem Buch auch den Vertrag von Nerchinsk  und betrachtete Russland als den gegebenen Vermittler zwischen Europa und China, das er als fernen und ebenbürtigen Partner Europas ansah. Das Buch erschien übrigens vor dem Ausbruch der  China-Euphorie in Europa, die u.a. die Königschlösser (siehe. Sans Souci) mit chinesischem Porzellan und Möbeln ausstattete.

 

Erst im 19. Jahrhundert wurde Europa von einem neuartigen Eroberungsdrang befallen, der die Großmächte dazu trieb, sich Afrika und das ferne Asien abhängig zu machen. Die sich entfaltende Industrialisierung und die Herausbildung von Nationalstaaten spielt dabei eine Rolle. Um China kümmerten sich Frankreich, Britannien, Russland sowie die USA mit ihrer Politik der offenen Tür. Nach 1871 kamen Deutschland und Italien hinzu. Ab 1853 öffnete sich Japan und sah dem Treiben zu.

 

Im Jahre 1860 wurde in Japan das Verbot von Auslandsreisen aufgehoben. Davon wurde sofort eifriger Gebrauch gemacht. Sowohl Privatleute informierten sich im Ausland, als auch offizielle Regierungsdelegationen. Private erkundeten wirtschaftliche Möglichkeiten, die Offiziellen wollten im Westen lernen und die Revision der ungleichen Verträge[8] bewirken, letzteres gelang ihnen nicht. Doch sie wurden freundlich aufgenommen und bekamen Unterricht in Weltmacht- und in Realpolitik. Fürst Bismarck persönlich erteilte Lektionen.

 

Als Tomomi Iwakura, ein an Einfluss reiches Mitglied des Hofadels, 1873 von einer Auslandsmission zurückkam, konnte er gerade noch das Militär davon abhalten, Korea anzugreifen. Er hielt den Ausbildungsstand des neu geschaffenen Militärs für unzureichend, doch im Jahre 1876 wurde Korea  von Japan geöffnet und zwar auf ähnliche Art und Weise, wie Japan von den Amerikanern geöffnet worden war. Das Motiv der Japaner waren sowohl Sicherheits- als auch wirtschaftliche Interessen, verletzter Stolz wegen der ungleichen Verträge, sie wollen es den Großmächten zeigen; die Ablenkung von innenpolitischen Schwierigkeiten, die wegen der eigenen Öffnung entstanden waren und nicht zuletzt die inneren Verhältnisse Koreas selbst.

 

Korea galt traditionell als Vasallenstaat  Chinas. Von Korea aus war zwar überlegene Kultur in Japan eingeflossen und dort dankbar aufgenommen worden, aber im Mittelalter auch zwei militärische Angriffe der Chinesen. Diese wurden abgewehrt, erzeugten aber eine politische Situation der Unsicherheit in Japan, die erst nach einer langen Reihe von internen Unruhen beigelegt werden konnte. Nun waren die Großmächte gerade dabei, China unter sich aufzuteilen, was Rückwirkungen auf die Koreaner haben musste. Nicht das erste Mal gab es Koreaner, die Japaner um Unterstützung gegen die Chinesen baten.  

 

Der aufkommende Nationalismus der Chinesen richtete sich nicht nur gegen die westlichen Eindringlinge, sondern suchte auch traditionelle Positionen zu halten, was  1894  den Ersten Sino-Japanischen Krieg auslöste, den die Japaner glänzend gewannen. Im Frieden von Shimonoseki wurde ihnen Korea und die nördlich angrenzende Liaotang-Halbinsel neben anderen Zugeständnissen als Einflusszone zugebilligt.

 

 

 

Die Liaotang-Halbinsel ist der südliche Zipfel der Mandschurei, durch die das zaristische Russland, auf der Suche nach einem eisfreien Hafen, gerade die Baikal Traversale der transsibirischen Eisenbahn gebaut hatte. Die Franzosen bauten dort den Hafen Port Arthur (Lüshun) aus, selbst die Briten waren als Eisenbahn – Bauer und Investoren  in der Mandschurei tätig und die Deutschen waren dabei, ihr Schutzgebiet Kiautschau auf der im gelben Meer gegenüber liegenden Halbinsel Schantung anzulegen.

Es entstand ein massiver Interessenkonflikt zwischen Japanern und Kolonialmächten über chinesische Gebiete, der z.B. deutlich in einem Telegramm zum Ausdruck kam, welches der deutsche Kaiser[9] an die japanische Regierung gesandt hatte und dort Ressentiments auslöste.

 

Die Briten betrachteten die Situation etwas mehr von der pragmatischen Seite und schlossen einen Bündnispakt mit den Japanern, der sie erstmalig auf der Bühne der Großmächte als Gleichberechtigte behandelte. Die Japaner bedankten sich, indem sie die Hauptarbeit bei der Niederschlagung des wenig später in China ausbrechenden Boxeraufstandes erledigten. Deutsche sind stolz auf dieses Ereignis, weil damals unter den Kolonialmächten der Ruf: „Germans to the front“ erscholl.  In die Geschichte gingen sie allerdings nicht als überlegene Krieger ein, sondern als Beteiligte an der Plünderung von Kunstschätzen und übertriebenen Rachemaßnahmen.

Der Interessenkonflikt zwischen Russland und Japan über Korea  führte 1904/05 zu einem Krieg zwischen den beiden Staaten, der hauptsächlich auf mandschurischem Boden ausgefochten wurde und  den die Japaner zum Erstaunen der ganzen Welt gewannen. In Petersburg löste das Ergebnis den ersten Aufstand gegen die zaristische Regierung aus. In Fernost dagegen festigte sich die Stellung Japans in Korea und die von den Russen gebaute Südmandschurische  Eisenbahn ging in das Eigentum der Japaner über, das sie durch eine eigene militärische Einheit, die Kwantung-Armee schützen durften.

 

In Japan führte das Ereignis zu einem enormen Prestigegewinn der  Kräfte des festen militärischen Auftretens, Vertreter differenzierter Betrachtungsweisen gerieten ins Abseits.

Die handelnden Japaner jener Zeit kannten noch das Leben von Samurais aus der Tokugawazeit. In der Meijizeit war der Stand der Samurai und Daimyo abgeschafft worden.

Die nachfolgende Generation von Amtsträgern  entstammte  einer geänderten Lebenswirklichkeit, jedoch blieb der Gegensatz zwischen westlichen und östlichen Japanern bestehen. Die westlichen waren Teilhaber der Tradition der Fürstentümer, die die Restauration des Kaisers unterstützt hatten, die östlichen gehörten zu den Vertrauensleuten des Shoguns.

Gegensätze zwischen westlichen und östlichen Landesteilen gab es bereits in der Yamatozeit, sichtbar an den geistlichen Zentren IZUMO und ISE. Sie beruhen auf unterschiedlichen  Staats gründenden Mythologien, IZUMO im Nordwesten und ISE im Südosten der Hauptinsel.

 

1910 wurde Korea als Kolonie annektiert, 1912 starb der Meiji-Kaiser und 1914 brach der erste Weltkrieg aus. Japan als Verbündeter von Großbritannien saß in der Friedenskonferenz  von Paris 1918 -1920[10] als fünfte Siegergroßmacht am Verhandlungstisch und kümmerte sich wenig um das, was die Größeren für ihre eigenen Belange aushandelten. Ihr Interesse, China zu kolonisieren hatten sie inzwischen aufgegeben. Die Schantung-Halbinsel[11], während des Krieges von Japanern besetzt, wurde bald an China[12]  zurück gegeben.

 

Die Auswirkungen des Krieges auf Japan waren enorm. Es brauchte nicht viel zu kämpfen und konnte industriell  überall dort in die Breche springen, wo die im Krieg beschäftigten Industriemächte ausgefallen waren, was ihre Wirtschaft angekurbelt hatte. Doch es gab auch neue Herausforderungen. Die traditionellen Industriemächte wollten in ihre alten Märkte zurück und verunglimpften japanische Produkte als Copykat oder Billigware. Zudem das Anwachsen der Bevölkerung[13] sowie rassistisch begründete Einwanderungsverbote für Japaner in Australien und anderen britischen Einwanderungsgebieten, den USA und insbesondere in  Kalifornien[14].

Das japanische Volk begehrte mehr Demokratie, der Taisho-Kaiser entfaltete nicht die vorantreibende Energie seines Vorgängers, möglicherweise wegen seiner gesundheitlich angeschlagenen Konstitution[15]. Im Militär prallten  utopisch nationalistische und realistisch mahnende Strömungen aufeinander.

Die russischen Revolutionswirren  von 1917 zwischen Roten und Weißen beschäftigten die Fernostregion noch mehrere Jahre lang, wobei nicht nur japanische sondern auch amerikanische, französische und tschechische Streit3kräfte involviert waren. So beherbergte z.B. Harbin, ein mandschurischer Eisenbahnknotenpunkt,  in dieser Zeit etwa 200.000 – 300.000 Weißrussen auf der Durchreise nach Amerika, Palästina oder sonst wohin. Eine der militärischen Fraktionen hielt einen weiteren Krieg mit Russland für unausweichlich, und traf heimlich Vorbereitungen dafür in der Mandschurei.

 

Als der chinesische Nationalisten-Führer Chiang Kai-scheck 1928 versuchte, die Mandschurei enger an China zu binden, weil dort moderne Industrien für die Rüstung aufgebaut worden waren und die Präsenz der Japaner auf wirtschaftliche Angelegenheiten zu beschränken suchte,  wurde ein von Japanern ausgehendes Attentat auf den führenden mandschurischen Warlord ausgeübt. Dies brachte chinesische Volkmassen gegen die Japaner auf.

Sie versuchten ihr schwindendes Prestige  durch den Ausbau ihrer Machtbasis auszugleichen. 1931 verübte zudem die Kwantung- Armee bei der Stadt Mukden (Hoten, Shenyang)  ein weiteres Attentat auf den amtierenden Warlord, gab es aber als eine chinesische Angelegenheit aus, gegen die japanische Gegenmaßnahmen gerechtfertigt seien. Die Kwantung - Armee benutzte die Gelegenheit, in wenigen Tagen  große Teile der  Innere Mandschurei  zu besetzen und einen unabhängigen Staat Mandschukuo zu proklamieren.

 

China protestierte beim Völkerbund, dem auch Japan angehörte. Der Völkerbund hatte kurz vorher im Briand-Kellog-Pakt die Kriegsführung als Mittel zur Konfliktlösung geächtet. Auch Japan hatte den Vertrag unterzeichnet.

Der Völkerbund setzte eine Untersuchungskommission[16] ein, die Japan als Schuldigen herausstellte. Wegen der damals anhaltenden Weltwirtschaftskrise wurde Japan aber nur halbherzig verurteilt, den Mitgliedern wurde empfohlen, Mandschukuo nicht anzuerkennen, was  Japan 1932 aber nicht davon abhielt, aus dem Völkerbund auszutreten.

 

Der eigentliche Auslöser der Ereignisse war ein japanischer Militärangehöriger[17], der die Leitung der Kwantung- Armee  durch seinen Charm und seine Beredsamkeit dazu brachte, entgegen den Anweisungen der Regierung in Tokio vollendete Tatsachen zu schaffen, die schließlich wegen der laufenden Erfolgsmeldungen sanktioniert wurden. Zur Zeit des Beginns der Ereignisse umfasste die Kwantung -Armee etwa 30.000 Mann. Ihr standen unter verschiedenen Warlords etwa 160.000 Mann an chinesischen Truppen im Lande gegenüber. Ein Teil der chinesischen Truppen leistete den Japanern Widerstand, der schnell niedergeschlagen wurde, ein Teil leistete auf Anweisung Chiang Kai-scheks[18] keinen Widerstand und zog ab, ein Teil lief zu den Japanern über und wurde die Nationalarmee von Manchukuo und der Rest ging in den Untergrund, um andauernden Widerstand zu leisten. Die Kwantung –Armee wurde auf etwa 60.000 Mann aufgestockt.

 

Der unerklärte Zweite Sino-Japanische Krieg brach erst 1937 mit dem Zwischenfall an der Marko-Polo-Brücke bei Peking aus. Er war zu dieser Zeit kein strategisches Kriegsziel der Japaner, doch als er ausbrach, glaubten einige Japaner, ihn wie bisher immer, als Blitzkrieg siegreich beenden zu können, doch blieben sie bald in den Weiten Chinas stecken und banden Kräfte, die ihnen an anderen Stellen geholfen hätten. Die Kwantung – Armee war davon wenig betroffen, ihr oblag der Schutz der japanischen Interessen in der Mandschurei. Bis 1939 hatte sie zwei Grenzkonflikte mit Russland zu bestehen, der bedeutendere bei Nomonhan und chinesische Guerillas zu bekämpfen. Von Hsin Chin  (Changchun) nach Dalian am gelben Meer bauten die Japaner in dieser Zeit ihre erste Hochgeschwindigkeitsstrecke für Eisenbahnen.

 

Der hier interessierende Erzählfluss des Buches von Murakami setzt bei den Ereignissen von 1945 ein, als die russischen Truppen des „Auguststurms“[19] dabei waren, Mandschukuo zu erobern. Dem Leser begegnet wieder der Kartografen-Leutnant von 1939. Er war von einem Geschoss verwundet worden, das ihn auf den Boden niedersinken ließ. Ein Panzer fuhr nun über seine linke Hand und zerquetschte sie. In seiner Agonie murmelte er ein paar russische Worte, die ein Russe vernahm. Deshalb transportierte er den Verletzten in ein Lazarett, wo er behandelt wurde und genas, als Gefangener.

Die Russen hatten damals viele Japaner gefangen genommen. Sie wurden in sibirische Kohlebergwerke geschickt und sollten Kohle fördern. Dazu wurden Dolmetscher benötigt. Unser Leutnant bekam die Ernennung zu einem  solchen Dolmetscher und fungierte als Verbindungsmann zwischen der Lagerleitung und den japanischen Gefangenen. Dabei hatte er einen privilegierten Status, der ihm Bewegungsfreiheit im Lager einräumte.

 

Die übrigen Gefangenen führten kein einfaches Leben und mancher von ihnen kam um, wegen schlechter Ernährung, mangelnder Sicherheitsvorkehrungen in den Stollen, ungewohnten klimatischen Bedingungen, Krankheiten  und beim Aufbegehren gegen die Wachen.

 

Unser Dolmetscher-Leutnant traf  unerwartet auf den russischen Offizier, der die Enthäutung des ihm anbefohlenen Befehlsgebers von 1939 angeordnet hatte und zwar als in Ketten gelegten Gefangenen. Durch seinen Kontaktmann bei der Lagerleitung erfuhr er Näheres über diesen Menschen. Es handelte sich um ein berühmt berüchtigtes Mitglied des russischen Geheimdienstes, das wegen einer Meinungsverschiedenheit zwischen Geheimdienst und Zentralkomitee in Ungnade gefallen war, aber immer noch die Unterstützung des Geheimdienstes genoss.

 

Dieser gefesselte Geheimdienst Mann entfesselte die Geschicklichkeit eines James Bond,  indem er die amtierende Lagerleitung neutralisierte und sich selbst zur faktischen Lagerleitung machte. Dies gelang ihm, indem er sich die Dienste des Dolmetschers zunutze machte und damit die Produktionsleistung des Bergwerks  auf ein Niveau anhob, mit dem das Zentralkomitee zufrieden sein konnte.

 

Die offizielle Lagerleitung dachte in bürokratischen Bahnen, womit sich die Erwartungen, die an das Bergwerk gestellt worden waren, nicht erfüllen ließen. Der Geheimdienstler ging auf die menschliche Natur der Lagerinsassen ein. Er versprach den japanischen Gefangenen Autonomie bei der Ausübung ihrer Arbeit und der Verteilung der Nahrungsmittel.  Die Bewachung wurde eingestellt.

Das motivierte die Gefangenen, die Arbeitsleistung stieg. Im Zuge der Veränderungen gelang es, die Verwaltungsstrukturen des Lagers mit  Vertrauensleuten des Geheimdienstlers zu besetzen, was seine Möglichkeiten der Einflussnahme stetig erweiterte. Mit zunehmendem Einfluss zog er die Daumenschrauben bei den Gefangenen an, was wiederum die Produktivität erhöhte.

Der Dolmetscher machte sich bei seinen Landsleuten immer unbeliebter, weil sie ihn für einen Profiteur ihrer Peiniger und für einen Verräter hielten. Das Spiel, das mit ihm getrieben wurde, ahnte er zwar von Anfang an, aber er durchschaute die Wirkungsmechanismen erst nach und nach. Schließlich wurde er zum Privatsekretär des faktischen  Lagerleiters ernannt und hatte dessen Buchführung auszubauen. Sie wies einen erheblichen Schwund bei der Verwertung der Erträge des Bergwerkes aus. Nur ein Teil des Ertrages floss in den gesetzlichen Kanal. Ein nicht unerheblicher wurde für den Bedarf des Geheimdienstes abgezweigt und der Rest ging in die Tasche des faktischen Leiters, der damit seine Bodyguards und sonstigen Kreaturen bezahlte.

 

Seine Technik bestand darin, selbst  freundlich mit den Leuten zu verkehren und Druck nur durch seine Kreaturen ausüben zu lassen. Erstaunlich, wie viele Menschen sich dazu bereit fanden, durch Zuckerbrot Kreaturen zu werden. Der Dolmetscher begann diesen Menschen zu hassen und nahm sich vor, ihn umzubringen. Allerdings sah der Geheimdienstler dies voraus und bot ihm eine Gelegenheit mit einer unbeaufsichtigten Pistole, einer Walter PPK, die er einst einem SS-Mann abgenommen hatte, als Lockvogel an. Der Dolmetscher feuerte sie tatsächlich auf ihn ab, erreichte damit aber nichts, denn die Waffe war präpariert. Der Geheimdienstler hätte nun Rache nehmen können, tat es aber nicht. Er eröffnete dem Dolmetscher, dass er nächstes Frühjahr, es war das Jahr 1947, zusammen mit seinen Landsleuten als letzte der japanischen Gefangenen entlassen werden würde. Die Gefangenen aus anderen Lagern seien bereits entlassen worden. Die Entlassungen seien gestaffelt vorgenommen worden, erst die Schwachen und Kranken, dann  die übrigen, wobei das Verhalten ihrer militärischen Einheiten während der Besatzungszeit in der Mandschurei eine Rolle gespielt habe.  . 

Mir fiel ein, dass der Bundeskanzler Adenauer 1956 nach Moskau geflogen war, um die Freilassung der letzten deutschen Kriegsgefangenen zu erreichen, was ihm tatsächlich gelungen war. Sie wurden als die letzten 10.000 bezeichnet und stammten aus Einheiten, die im Krieg besonders aufgefallen waren.

 

Die Innere Mandschurei wurde 1946 von den Russen an die Kuomintang - Chinesen übergeben. Danach wurde sie von den kommunistischen Chinesen erobert und gehört seit der Ausrufung des neuen Staates  1949 zur Volksrepublik China

 

Der Dolmetscher führte nach der Rückkehr in seinen japanischen Heimatort ein zurückgezognes Leben als Schullehrer und Bauer.  Seine Erlebnisse in der Mandschurei und Russland hatte er  durch Vermittlung des Soldaten, der ihn bei Nomonhan aus dem Brunnen gezogen hatte, nur dem  Helden des „Mister Aufziehvogel“ mitgeteilt und dem hatten diese Mitteilungen bei seinen Meditationen geholfen, seine Sinnkrise zu überwinden.

 

Murakami hat im westlichen Kulturkreis gelebt. Er versteht es, Äußerlichkeiten der östlichen Lebensweise  Westlern verständlich zu machen, so dass ihnen dabei nichts Fremdartiges auffällt. Die Wirkungsweise der Gemütsheilung seines Helden dagegen versteht wohl nur jemand,  der versteht, was Meditation bewirkt. Dabei geht es nicht immer rational in unserem Sinne zu. Der Brunnenzieher  z.B. ist hellseherisch begabt und wird von seinen Landsleuten wegen seiner Fähigkeiten als Außenseiter gemieden. Aber sie werden auch genutzt. Ohne seine „Irrationalität“  hätte er nicht leisten können, was er geleistet hat.

„Ja, halt im Roman“, sagt ein Westler, wird aber dabei  das Gefühl nicht los, möglicherweise  etwas übersehen zu haben.

                                                                                                                        G.W.Wollboldt

 

 

 

 

 

 

 

Nomonhan

Hsin-Ching Hauptstadt von Mandschukuo

Maverik Georgy Zhukov

1939 Mai bis 10. September, dann Waffenstillstand

 

1945 Auguststurm

Kriegsgefangenschaft der Japaner in Sibirien bis 1948, Behamdlung abhängig von Verhalten in Manchkuo.

Ende der Kriegsgefangenschaft der Deutschen 1955/56 in Russland; Besuch Adenauers (10.000 Restliche).

 

Soviet Nr.  1 Foe of Japan; Kwantung-Armee hatte Aufgabe des Grenzschutzes gegen Russland in Mandschukuo

IJA Imperial Japanese Army

3000 m Grenze auf drei Seiten mit Russland.

 

Seit 1936 Grenzkonflikte Changkufeng/Lake Kasan (an Korea Nordgrenze) Erhöht japanisches Selbstbewusstsein und prägt aggressive Kriegsdoktrin (Sokusen Sokketsu)

 

Bei ausbleibendem Erfolg fehlt Flexibilität und es gibt Rückfall in defensives Verhalten.

Fehleinschätzung der Gegenseite.

 

Halha – Fluss; Khalkin Gol, Holsten Fluss

Japan: 17.000 Verluste davon 8440 Tote

Russ: 9284 Verluste

 

Manchuria war hauptsächliches Kriegstheater im Jap/Russ Krieg 1904/05

160.000 Tote auf jap Seite

 

1937 2. Sino Jap Krieg brach ungeplant aus.

Expansionisten: Wollten China schnell schlagen und zum Schweigen bringen

Anti-Expanionisten, wollten Frieden mit China, weil Krieg Kräftevergeudung.

 

Jilin: Changchun/ Hsin Chin (Chinkyo)

1945 von Russen erobert

1947 von Kuomintang erobert

1947-1948 von Kommunisten belagert und erobert.

1992 Falun Gong Gründung

Autostadt

Albert Speer – chin Detroit

 

1920:In Harbin lebten 200.000 – 300.00 Weissrussen.

 

 

1271 – 1368 Mongolen in China Yuan – Dyn.

1368-  1644 Ming – Dyn.

1644 – 1911 Qing – Dyn (Manchus)

 

1931 Zwischenfall von Mukden.

 

Louis Kniffler 1869 – 1865 aus Düsseldorf

War für Preussen in Nagasaki 1861 Handelshaus gegründet

Preussischer Konsul Silvester 1865

 

 

Nationalhymne „Kamigayo“ Hofmusiker Hiromori yashi, Franz Eckert, Militärmusiker.

 

Taisho 1912 – 1926

 

Fürst Ito 1910 Hinomari, Nationalflagge

 

 

Okinawa 1609 durch Satsuma erobert.  Seit. 1879 zu Kagoshima

 

1920 Graf Noboaki Makino 1920 „Kriegsruf“ Jugendfreund des Kaisers

1923 Erdbeben in der Kanto (Tokio) region

 

 Chef der Gesellschaft der Schwarzen Drachen: Toyama

1902 Verbrecherfürst Toyama Mitsru;  „Schwarzer Drachenfluss“ Grenze zwischen Sibirien und Manschurai. Gastgeber von Sun yat – sen,  Grüder von Kuomintang

 

1926 Hirohito wird Kaiser

1228 Pais (Kellog pakt?) Krieg geächtet.

1930: Besuch des amerik. Vizepräsidenten Nance Garner dollar Uhr - Affäre

1931 Zwischenfall von Mukden

         „eigene Kolonialherrschaft über die Mehrheitskontrolle der

          Großmächte  in China setzen“

1932: Drei menschliche Torpedo Affäre bei Eroberung von Shanghai.

          Austritt aus Völkerbund

           PM INUKAI ermordet.

1933 Akihito geboren  

          Entmilitarisierte Zone nördlich von Peking

1935: Verbot tasukichi minobe

           Friedrich Sieburg „Stählerne Blume“

1936: PM Admiral Keisuke OkadA ermordet.

          Flottdenabkommen

1937: Marco Polo Brücke 10. Dez. Nanking Massaker

1937-39 Konoye ÜM und 1940-41; Tojo Nachfolger

          Sadao Araki, böser Geist

1941 Sept. Hirohito – Hajime Sugitama Dialog

1943 Konferenz in Kairo mit Chiang kai chek (Amerik Engl.)

1945 Suzuki PM

 

 

1853 – 1868: Kämpfe um Kaiser an die macht zu bringen

1868 – 1912 Meiji zeit

1871 : Tomomi Iwakura; Ito Hirobumi

          Nach Rückkehr verhindert Iwakura Feldzug gegen Korea.

 1889 Verzicht der Daimiyos auf ihre Privilegien  und Kuge  - KAZOKU

            Samurai – Shizoku

 

 

Mito philosophie, Nariaki Mio. Fujita oko 1806 – 55 joi sonno

Kokutai – Staatsverständnis

 

 

 

[1] Initiativgruppe Veranstaltungen, jeder kann mitmachen, der sich an der Vorbereitung einer Veranstaltung der DJG-BW beteiligen will.

[2] Die Chinesen behaupten, bereits im September 1937 den Japanern bei ihrem Versuch, in die Shanxi-Provinz einzudringen, eine Niederlage beigebracht zu haben. Doch dabei handelte es sich um ein kleineres Ereignis, die Verluste der Japaner wurden mit 1000 Mann angegeben. Bei Nomonhan waren die japanischen  Verluste viel höher.

[3] Die Chinesen nennen ihn Schwarzer Drachen Fluss

[4] Der Vertrag von Nerchinsk ist der erste Vertrag auf der Grundlage des seit dem Frieden von Münster und Osnabrück  entstanden Völkerrechts, das ein dem europäischen Kulturkreis zugehöriger Staat mit einem außerhalb liegenden abgeschlossen hat. Der Vertrag war kein „ungleicher Vertrag“.

[5] In der Mythologie gilt China als das Land der vier Drachen; der von den Europäern Amur genannte Fluss ist der Schwarze Drachen.  Der Gelbe Drachen ist der Gelbe Fluss, die anderen Drachen sind der Jangtsekiang und der Perlfluss.

[6] Nach der Aufhebung des Auslandsreiseverbots für Japaner im Jahre 1860 fanden sie Anschluss an die Panasiatische Bewegung, die sich hauptsächlich  in China als antiimperialistische Bewegung  gebildet hatte, die meist heimlich im Untergrund wirkte, zunächst mit dem Ziel, die rückständige Qing-Dynastie zu beseitigen. Im Westen wird diese Bewegung unter „Boxer“ zusammengefasst. Ein japanischer Zweig dieser Bewegung war die „Schwarze Drachen Gesellschaft“, die ab 1901 die japanischen Interessen  gegenüber Russland vertrat. Diese Geheimgesellschaften tauschten Informationen und Agenten untereinander aus. Sun Yat-sen z.B. war Gast der „Schwarzen Drachen“ in Japan. Im Westen ist diese Bewegung hauptsächlich von der Filmindustrie verarbeitet worden. Die „Dr. Fu Man-schu“ – und „James Bond“- Filme sind Belege dafür.

[7] Karin Yamaguchi, „G.W. Leibniz und China“, OAG Notizen 09/2008, Seite 22ff

[8] Die Verträge sind deshalb ungleich, weil sie den fremdländischen Souverain herabwürdigen, was sich u.a. in der Exterritorialitätsklausel für Ausländer in Japan äußert und in der Einschränkung der japanischen Zollhoheit und zwar in einer Weise, die die Bestimmungen des angewendeten Völkerrechts missachtet.

[9] Siehe den Film „Bart no Gakuen“, der 2007 von der DJG-BW im Linden-Museum gezeigt wurde.

[10] Deutsche kennen diese Konferenz als Friede von Versailles

[11] Tsingtau, bei der Übernahme durch die Deutschen 1898 ein Dorf, ist heute eine Millionenstadt, die China mit Bier beliefert. Die japanische Besetzung der Schantung Halbinsel sollte das Eingreifen von China in Korea erschweren.

[12] Nicht ohne Druck Chinas, das ebenfalls als Siegermacht an der Pariser Konferenz beteiligt war.

[13] 1853 hatte es 30 Mio. Einwohner gegeben. In den 1920er Jahren war die Bevölkerung auf  50 Mio. angewachsen, heute beträgt sie etwa 120 Mio.

[14] Die damaligen Verhältnisse in Kalifornien werden von John Steinbeck in  Cannery Row geschildert.

[15] Taisho 1912 – 1926. Er wurde medizinisch u.a. von dem Bietigheimer Mediziner Erwin Belz betreut.

[16] Die Lytton-Kommission

[17] Kanji Ishihara, er vertrat die „Theorie des großen Weltkrieges“, war Teilnehmer des Gelöbnisses von Baden-Baden, einer Vereinigung  junger Offiziere, die sich das Ziel gesetzt hatten, die amtierenden japanischen Militärführer aus dem Amt zu drängen, die alle noch  zu den West-Japan Leuten gehörten, die das moderne Japan aufgebaut hatten. Die jungen Leute hatte noch keine Kampferfahrung. Ishihara gilt als religiös (Nichiren-Buddhist) denkender Mensch. Siehe: The Road to Manchuria, Japan Echo, August 2008, Seite 62 ff.

[18] Chiang kai-schek verfolgte die Politik, erst die Kommunisten zu beseitigen und sich danach den Japanern entgegenzustellen, was bekanntlich die Verdrängung de Nationalchinesen auf die Insel Taiwan zur Folge hatte.

[19] Der Auguststurm der Russen überrannte nicht nur die Mandschurei, sondern auch die koreanische Halbinsel bis zum 38. Breitengrad, wo ihnen amerikanische Truppen entgegenkamen.

Band III

Kommentare dazu

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